Evangelium am Karfreitag

Die Erzählung der Passion finden Sie in den Evangelien:

Matthäus 26,14-27,66

Markus 14,1-15,47

Lukas 22,14-23,56

Johannes 18,1-19,42

Gedanken

„Er hauchte seinen Geist aus“ (Mk 15,37). So beschreibt das früheste Evangelium den Tod Jesu. Das haben alle gesehen, die auf Golgata dabei waren. Wenn ein sterbender Mensch aushaucht, halten die Lebenden den Atem an. Beim sterbenden Jesus standen sehr verschiedene Leute. Die einen wollten ihm nahe sein, andere wollten nur wissen, wie es mit ihm zu Ende geht. Sie alle sehen nur: Er hauchte aus. Kein Himmel brach zusammen, und die Erde tat sich auch nicht auf.

Jesus hauchte aus, sein Atem verflog im Wind, sein Blut versickerte im Boden, seinen Leib begruben sie eilig.

Wo war er nur abgeblieben, der Geliebte und Gehasste, der Umjubelte und Verschrieene? Wer ihn betrauerte, wusste ihn nur noch hinter dem großen Stein vor seinem Grab.

Wie ein erweckender Frühlingswind hatte er das Evangelium von Gottes Reich in unsere verhärtete Welt hineingetragen. War jetzt mit seinem letzten Hauch alles verflogen?

 



Manche befürchteten es, andere hofften es.

Jesus hauchte nicht ziellos aus. Er hauchte seinen Geist in unsere Welt hinein und betete gleichzeitig: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!“ (Lk 23,46).
 


Er ging zu Gott und gab uns seinen Geist.

Wenn ein Mensch sein Leben aushaucht, kehrt er zurück zu Gott. Gleichzeitig gibt er uns als Hinterbliebenen den Auftrag, seinen Geist unter uns weiterleben zu lassen.

Der Tod Jesu wird so zur Geburtsstunde der Kirche, vom Kreuz aus haucht er seinen Geist in unsere Welt. Der Karfreitag ist das eigentliche Pfingstereignis. Die Frage ist nicht, ob und wann sein Geist noch da ist, sondern wie und wo er wirkt, wie und wo wir ihn wirken lassen. Es kommt darauf an, dass ich den Atem seines Geistes einatme, mich von ihm erfassen lasse, mich vom ihm durchströmen lasse.

Dann kann sein Geist mich immer wieder zu neuem Leben erwecken. Diese Erfahrung wünsche ich uns allen!

Stefan Spitznagel