Predigt zum 1. Weihnachtstag - 25.12.2020

Predigt zum 1. Weihnachtsfeiertag zu Johannes 1,1-5.9-14

Mit Blick auf die Krippenlandschaft in den Kirchen und Wohnungen mit ihrem Engel und den Hirten, mit dem Stall und dem „Kind, das in Windeln gewickelt in einer Futterkrippe liegt“ – kommt der Johannesprolog doch sehr trocken daher.

Statt der anschaulichen Bilder, die der Evangelist Lukas für seine Version der Weihnachtserzählung nutzt, beginnt Johannes sein Evangelium mit dem nüchternen Satz: „Im Anfang war das Wort“.

Auf diesen Einleitungssatz folgt ein Text, der sehr dicht ist;
er ist angefüllt mit tiefsinnigen Gedanken, die miteinander verkettet sind.

Nun kann ich versuchen, diesen Gedankengängen zu folgen und ich kann mich bemühen, die Botschaft, die sich darin verbirgt, zu verstehen.

Aber, um ehrlich zu sein, bin ich schon am ersten Satz hängen geblieben.

„Im Anfang war das Wort.“

Kein komplexer Text, keine lange Erklärung,
nicht viele Worte, noch nicht einmal einige Worte.

Nein.

„Im Anfang war das Wort
und das Wort war bei Gott
und das Wort … war Gott.“

 

Wenn Johannes „das Wort“ so betont, stellt sich mir die Frage, welches Wort er denn meint.
Welches Wort war denn im Anfang?
Welches Wort war bei Gott?
Und welches Wort war Gott?

Der Text lässt hier eine Leerstelle.
Eine Leerstelle, die jede*r selbst füllen kann.

Damit das gelingt, hilft es vielleicht, die Fragen von hinten her zu beantworten:

Somit heißt die erste Frage:
Welches Wort – also was – ist Gott für mich?

Habe ich dieses Wort gefunden, kann ich die anderen Fragen beantworten, die dann heißen:
Welches Wort war im Anfang bei Gott?
Und welches Wort ist somit im Anfang gewesen?

War es der Sinn?

Die Kreativität?

Das Vertrauen?

Oder ganz etwas anderes?
 

Mit dem für mich treffenden Wort lässt sich der Text neu lesen.

Zum Beispiel so:

Im Anfang war das Vertrauen
und das Vertrauen war bei Gott
und das Vertrauen war Gott.
Im Anfang war es bei Gott.
Alles ist durch das Vertrauen geworden
und ohne das Vertrauen wurde nichts, was geworden ist.

Und das Vertrauen ist Fleisch geworden
und hat unter uns gewohnt.

Den Text auf diese Weise zu lesen, macht „das Wort“ greifbar, den Text anschaulicher.

Heute feiern wir, dass „das Wort“ Fleisch geworden ist.
Dass es Realität geworden ist, spürbar, verletzlich.

Aber hat denn dieses Wort – welches auch immer es für jede*n Einzelnen von uns ist – tatsächlich die Chance, Fleisch zu werden?
Gibt es denn Raum, dass dieses Wort bei mir und in dieser Welt ankommen und wirken kann?

Ich glaube, wo das gelingt, dass „mein“ Wort Fleisch wird, da wird auch dieses Evangelium und seine Botschaft von Weihnachten anschaulich und erlebbar.

In diesem Sinne wünsche ich euch und Ihnen: Frohe und gesegnete Weihnachten!

Raphaela Vogel