Evangelium und Gedanken zum Sonntag - 21.06.2020

Evangelium

Jesus sagt zu den Zwölf:

„Ängstigt euch nicht vor den Menschen.
Denn: Nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt,
und nichts ist verborgen, was nicht kund werden soll.
Was ich euch im Finstern sage, das sprecht im Licht,
und was ihr ins Ohr gesagt hört, das kündet von den Dächern.

Ängstigt euch nicht vor denen,
die den Leib töten, das Leben aber nicht töten können.
Ängstigt euch vielmehr vor dem,
der Leben und Leib in der Hölle zugrunde richten kann.

Ist nicht das Paar Spatzen um fünf Pfennige feil?
Und doch fällt keiner von ihnen zur Rede ohne euren Vater.
Bei euch aber sind auch die Haare auf dem Kopf allesamt gezählt.

Also ängstigt euch nicht!

Mehr denn viele Spatzen geltet ihr.“

Matthäus 10,26-33

Gedanken

„Der Scherenschnitt

Können Sie sich einen Scherenschnitt vorstellen? Dann wissen Sie, was Profil heißt. Nur eine Linie markiert den Umriss, und doch sieht man sofort: es geht um diese ganz bestimmte Person. Wenn jemand Profil hat, dann sind die Grenzen scharf konturiert, mit Ecken und Kanten. Christen haben ihr eigenes Profil. Das verdanken sie dem Bekenntnis zu Jesus Christus (vgl. Vers 32). Mancher mag denken: dieses Profil ist im Laufe der Zeit stark abgenutzt. Dann bedarf es dringend der Schärfung.

Es ist wie beim Autoreifen: je tiefer das Profil, desto größer der Reibungswiderstand. Das zeigt sich gerade in kritischen Situationen: Die Räder rutschen nicht weg. Wenn die Reifen alt sind und abgefahren, kommt man schnell ins Schleudern. Ein gutes Profil haftet, gibt Halt.

Privatsache?

Das profilierte Bekenntnis zu Christus scheut nicht das Tageslicht. Es duldet keine Geheimniskrämerei: `Verkündet (es) von den Dächern‘ (Vers 27). Das ist eine klare Ortsanweisung. Die Öffentlichkeit gehört zum Wesen der christlichen Botschaft.

Heute heißt es allgemein, Religion sei Privatsache. Jesus denkt ganz anders. Er will, dass wir uns outen. Eine Voraussetzung dafür ist, dass wir uns in unserem Glauben auskennen. Nur der kann den Glauben bekennen, der weiß, für was er steht und einsteht.

Was ist uns so heilig, dass wir es uns in dem ganzen Stimmengewirr heute nicht ausreden lassen?

Unbequem

Die Botschaft Christi widerspricht dem herrschenden Trend zum Konformismus, zum Mittelweg, der nicht golden ist, sondern farblos. Sie ist alles andere als watteweich, sie ist unbequem und wird nicht überall auf Beifall stoßen. Sie ruft nach einer Entscheidung, sie führt zur Scheidung der Geister. Ich zitiere den seligen Oscar Romero:

‚Eine Kirche, die keine Krise bewirkt, ein Evangelium, das nicht erschüttert, ein Wort Gottes, das niemanden unter die Haut geht; was für ein Evangelium ist das? Ein frommes Gedankenspiel, das niemanden beunruhigt … die Leute, die jedes beschwerliche Thema vermeiden, um nicht gestört zu werden, um keine Probleme und Schwierigkeiten zu haben, helfen der Welt nicht, in der sie leben.'

Fürchtet euch nicht…

Erzbischof Romero hatte keine Angst. Er wusste, dass er mit seinem kompromisslosen Eintreten für die Armen und Entrechteten sein Leben riskierte, aber er wusste sich noch mehr in Gottes Hand (vgl. Vers 28).

Wer Gott fürchtet, muss vor Menschen keine Angst haben. Das programmatische ‚Fürchtet euch nicht vor den Menschen!‘ (Verse 26.28.31) prägt dieses Evangelium.

Jesus argumentiert mit ganz alltäglichen Beispielen: Spatzen kann man für ein paar Cent kaufen – was sind sie schon wert? Und trotzdem hat Gott ein Auge auf sie. Wenn Gott die Spatzen nicht vom Himmel fallen lässt und sogar die unzähligen Haare zählt, um wieviel mehr sorgt er sich um euch. Lasst euch also nicht von der Angst beherrschen, ihr seid in Gottes Hand (vgl. Verse 29-31).

Jesus zu folgen ist kein Zuckerschlecken. Wer sich in Wort und Tat öffentlich und profiliert zu ihm bekennt, muss darauf gefasst sein, auf Widerstand zu stoßen. Das ist der Ernstfall des Glaubens. Er ist nicht zu suchen, aber es ist damit zu rechnen.

Das Christentum ist die Religion, die weltweit heute am meisten verfolgt wird. In unseren Breiten sieht das anders aus. Wie können wir in einer Umgebung, in der Religion oft genug belächelt wird oder als rückständig, gewaltbereit und intolerant gilt, frei und aufgeklärt von Gott sprechen?

Sich zu Christus zu bekennen, kostet auch bei uns Mut. Steigt auf die Dächer, sagt Jesus (vgl. Vers 27), hängt das Evangelium an die große Glocke!“

Franz Kamphaus, Tastender Glaube