Evangelium und Gedanken zum Sonntag - 28.06.2020

Evangelium und Gedanken zum Sonntag – 28. Juni 2020

Jesus sagt zu seinen Aposteln:
Wer Vater oder Mutter mehr Freund ist als mir,
ist meiner nicht wert.
Und wer Sohn oder Tochter mehr Freund ist als mir,
ist meiner nicht wert.

Und wer sein Kreuz nicht nimmt und mir nachfolgt,
ist meiner nicht wert.

Wer sein Leben finden will, wird es zugrunde richten,
wer sein Leben um meinetwillen zugrunde richtet,
wird es finden.

Wer euch aufnimmt, nimmt mich auf,
und wer mich aufnimmt, nimmt den auf,
der mich gesandt hat.

Wer einen als Propheten aufnimmt,
wird den Prophetenlohn empfangen.
Wer einen als Gerechten aufnimmt,
wird Gerechtenlohn empfangen.

Und: wer eines dieser Kleinen auch nur mit einem Becher
kühlen Wassers tränkt – und zwar als Jünger –
ich sage euch: er wird seinen Lohn nicht verlieren.

Matthäus 10,37-42

Gedanken

„Wer Vater oder Mutter mehr Freund ist als mir, ist meiner nicht wert. Und wer Sohn oder Tochter mehr Freund ist als mir, ist meiner nicht wert.“

Ist Jesus eifersüchtig auf Beziehungen und auf Familie?

Ihm geht es darum, Gott an die erste Stelle zu setzen, weil er eine unendliche Kraftquelle für alles andere ist. Jesus hat die Menschen nicht aus dem Auge verloren und sich gleichzeitig auch nicht von ihnen abhängig gemacht. Weil er sich ganz mit Gott verbunden hat und verbunden weiß, kann er sich um die Menschen kümmern.

Das wird im dritten Satz deutlich: “Wer sein Kreuz nicht nimmt und mir nicht nachfolgt, ist meiner nicht wert.“

Das Wort „wert“ und „würdig“ heißt im Griechischen „axios“.
Daher kommt die Achse, der Waagebalken. Wert und würdig sein hat damit zu tun, etwas einzurichten, ins Gleichgewicht zu bringen. Gleichgewichtig ist gleichwertig.

Das können wir mit unserem Körper nachvollziehen, wenn wir uns senkrecht hinstellen. Wir sind ausgestreckt zwischen Himmel und Erde.

Uns nach rechts und links auszustrecken ist schon anstrengender, ich brauche Kraft, meine Arme in der Waagerechten zu halten.

Das schaffe ich nur, wenn ich stabil stehe.

Mit meinem Körper bilde ich einen Längsbalken.
Was erdet mich? Was verbindet mich mit dem Himmel, mit Gott. Und wie trägt mich die Erde?

Mich nach rechts und links auszustrecken öffnet mich auf meine Umwelt, auf meine Mitmenschen hin.

Wenn ich mich körperlich so ausspanne, spüre ich, wie sich der Brustkorb weitet, der Herzraum größer wird und ich mehr einatmen kann.

Gleichzeitig mache ich mich angreifbar, weil ich offen bin.

So bilde ich ein Kreuz.

Jesus will, dass ich nach meinem Kreuz schaue. Er sagt nicht, dass ich sein Kreuz tragen soll, sondern jede und jeder soll das eigene Kreuz tragen. Auf diese Weise folgen wir ihm nach.

Und dann dieser missverständliche Satz: „Wer sein Leben finden will, wird es zugrunde richten, wer sein Leben um meinetwillen zugrunde richtet, wird es finden.

Wer also meint, sein Leben bereits gefunden zu haben, ist nicht mehr offen für Jesu Botschaft. Wer sich für Jesu Botschaft öffnet, wird erleben, wie das eigene Leben reicher wird.

Wenn ich Leben finden will, muss ich es zugrunde richten. Das können wir in der deutschen Sprache auch ganz wörtlich nehmen: Zugrunde richten als ein sich im Boden verankern, mich im tiefen Grund Jesu Christ verankern. Von dort aus kann ich mich ausrichten und aufrichten. Wenn ich Jesus als Basis meines Lebens habe, werde ich das finden, was Jesus unter Leben versteht.

Da sind wir wieder im Bild des Kreuzes: meine Stabilität und mein Zurechtkommen in der Welt hängen davon ab, ob und wie ich mich erde, ob und wie ich mich an Jesus Christus ausrichte, wie ich mich ausspanne zwischen Himmel und Erde, zwischen oben und unten und zwischen rechts und links, zwischen den Menschen, die mich umgeben.

Stefan Spitznagel