Evangelium zum 2. Sonntag der Osterzeit

Evangelium zum 2. Sonntag der Osterzeit

Als es nun Abend wird an jenem Tag, dem ersten der Woche, und die Türen verriegelt sind, dort wo die Jünger sind, aus Furcht vor den Juden, kommt Jesus tritt in die Mitte und sagt: „Friede euch!“
Wie er das sagt, zeigt er ihnen die Hände und die Seite. Da ergreift die Jünger Freude, weil sie den Herrn sehen.
Jesus sagt noch einmal: „Friede euch! Wie mich der Vater sendet, so schicke ich auch euch.“
Und wie er das sagt, haucht er sie an und sagt ihnen: „Empfangt Heiligen Geist!
Wenn ihr welchen die Sünden nachlasst, so sind sie ihnen nachgelassen.
Wenn ihr sie welchen behaltet, bleiben sie behalten.“
Einer der Zwölf, Thomas, der Zwilling genannte, ist nicht bei den Jüngern, als Jesus kommt.
Da sagen die anderen Jünger zu ihm: „Wir haben den Herrn gesehen!“
Thomas antwortet ihnen: „Wenn ich nicht in seinen Händen das Abbild der Nägel sehe, meine Finger in diese Stelle lege und meine Hand in seine Seite lege, glaube ich nie und nimmer.“
Nach acht Tagen, als die Jünger wieder im Haus versammelt sind und auch Thomas bei ihnen ist, kommt Jesus bei verriegelten Türen, tritt in ihre Mitte und spricht: „Friede euch!“
Da sagt er zu Thomas: „Führ deinen Finger hierher und sieh meine Hände. Und führ deine Hand her und leg sie in meine Seite. Und sei nicht ungläubig, sondern glaubend.“
Da hebt Thomas an und sagt: „Mein Herr und mein Gott!“
Jesus sagt zu ihm: „Weil du mich gesehen hast, bist du glaubend geworden. Selig, die nicht sehen und doch glauben.“

Johannes 20,19-29

Predigt

Liebe Leserin, lieber Leser,

während ich zuhause bin und an dieser Predigt arbeite, sind es noch beinahe drei Wochen, bis Sie das Sonntagsblatt dazu in Händen halten.

Das Corona-Virus hat die Welt fest im Griff und so wie es aussieht, ist auch am 19. April die Lage nicht grundsätzlich besser. Das heutige Evangelium ist – fast – eine Blaupause zur derzeitigen Situation.

Angst und verschlossene Türen kennzeichnen die Lage damals, und dass wir den „Feind“, das Virus, nicht sehen können, macht unsere Situation noch bedrohlicher. Wie die Jüngerinnen und Jünger wissen wir nicht, wann sich das ändert und wie. Wie sie suchen wir Gemeinschaft. Vor 2000 Jahren in einem Saal, wir per Telefon, Skype, Sprachnachrichten oder in Familiengruppen mit genügend Sicherheitsabstand. Bedrohungen, die von außen kommen, Ungewissheit wie lange dies dauert, Unsicherheit wie es weitergeht –das macht uns Angst. Wie damals die Freundinnen und Freunde Jesu brauchen wir heute etwas, das uns hoffen lässt, Mut macht, etwas das durch die Bedrohungen hindurchträgt. Für solche Situationen ist dieses Evangelium geschrieben.

Verschlossene Türen sind kein Hindernis für die göttliche Liebe und Gegenwart. Im Gegenteil. Wir können darauf vertrauen, dass unsere Angst, unsere Sorgen wahrgenommen werden. Wenn Ostern Realität ist – und seit 2000 Jahren feiern Christen dieses Fest – dann ist auch 2020 Realität, dass das Leben stärker ist als der Tod. Unsere Verwundungen oder Ängste brauchen wir dabei nicht zu leugnen.

Die erste Botschaft des Auferstandenen ist der Friede – der Shalom Gottes wie es auf Hebräisch heißt. Dieser Shalom umfasst vieles:

Ganz Sein, im Lot sein, Harmonie in sich haben und nach außen schenken, heil werden können. Genau das ist – weil Ostern andauert – auch uns zugesagt. Das bringt Jesus der Christus in die Welt unserer Ängste und Enge, unserer Abgeschlossenheit … fügen Sie ein, was für Sie zurzeit passt. Die Zusage des Shalom gilt jeder und jedem von uns, in jeder Situation. Deshalb zeigt ihnen der Auferstandene seine Wunden, damit die Jüngerinnen und Jünger glauben können, was sie hören und sehen. Nichts muss vertuscht oder



verheimlicht werden, nichts von Jesu Wirken ist aufgelöst, im Gegenteil. Seine Hingabe und sein Sterben hat Gott angenommen und in Leben verwandelt, das nicht endet.

Sehen – hören – spüren: Damit die Jüngerinnen und Jünger spüren, was sie sehen und hören, nämlich Jesus als Auferstandenen, der ihnen den Shalom Gottes bringt, haucht Jesus sie an und bläst ihnen Lebensatem ein wie Gott am Schöpfungsmorgen (Gen. 2,7). Auch das gilt uns allen. Spüren wir nicht auch in diesen Wochen viel göttliches Wirken, Schöpferkraft, bei

allen, die das öffentliche Leben aufrechterhalten, die sich einsetzen für Kranke, Sterbende, Einsame? Setzen Sie hier all das ein, was sie gehört und gelesen haben von Menschen, die Not lindern, solidarisch sind, Mut machen. In ihnen allen wirkt Gottes Geistkraft und bringt Leben. „Niemand ist verzichtbar, alle zählen“, hat
Angela Merkel das in ihrer Ansprache im Fernsehen treffend gesagt. Und so sieht es das Johannesevangelium. Auf jede und jeden kommt es an, damit die Botschaft Jesu in Tat und Wort weitergeht.

Ja, wenn ich dies Evangelium lese auf dem Hintergrund der Corona-Pandemie kann ich sagen: Der Auferstandene ist heute so lebendig wie die Angst vieler Menschen real und begründet ist. Wir brauchen Ostern als Fest des Lebens, das den Tod überwindet und wir brauchen unser Vertrauen auf die göttliche Geistkraft und ihr Wirken.

Ein Wort zum Schluss: Ursprünglich wollte ich etwas zum Thema Zweifel und dem Jünger Thomas schreiben. Auch das wäre aktuell. Zweifel bei manchen Botschaften dieser Tage dürfen sein und sind angebracht. Jesus nimmt die Zweifel und das Bedürfnis von Thomas ernst; er macht ihm keine Vorwürfe. So hilft er ihm durch seine Zweifel hindurch, Glauben in den Auferstanden zu gewinnen. Ver-Zweifeln sollten wir nicht in diesen schweren Tagen, Wochen, Monaten. Wenn Zweifel der Bruder des Glaubens ist, dann ist Zuversicht dessen Schwester, sagte mir eine Freundin dieser Tage. Bleiben wir also zuversichtlich, vertrauen wir darauf und glauben wir daran, dass der Auferstandene bei uns ist, uns Lebensatem einflößt, Heilige Geistkraft. Vertrauen wir darauf, dass wir bei Gott mit allen unseren Verletzungen und Ängsten schon immer angenommen sind. Schalom!

Gabriele Greiner-Jopp