Evangelium und Gedanken zum 7. Sonntag der Osterzeit

Evangelium

Jesus erhebt seine Augen zum Himmel und spricht:
„Vater! Gekommen ist die Stunde:
Verherrliche du den Sohn, auf dass der Sohn dich verherrliche!

Wie du ihm Vollmacht über alles fleischliche Wesen gegeben,
so soll er allem, was du ihm gegeben, unendliches Leben geben.

Das aber ist das unendliche Leben, dass sie dich erkennen,
den einzig wahren Gott, und den du gesandt hast: Jesus, den Messias.

Ich verherrliche dich auf Erden, indem ich das Werk vollende,
das du mir zu tun gegeben hast.

Und jetzt: Verherrliche du mich, Vater, bei dir mit der Herrlichkeit,
die vor dem Sein der Welt ich bei dir hatte.

Sichtbar gemacht habe ich deine Wesensart den Menschen,
die du mir aus der Welt gegeben hast.
Dein waren sie, und mir hast du sie gegeben, und sie haben dein Wort gewahrt.

Jetzt haben sie erkannt, dass alles, was du mir gegeben, von dir her ist.

Denn die Worte, die du mir gegeben, habe ich ihnen gegeben.
Sie nahmen sie an und erkannten unverstellt, dass ich von dir ausgegangen bin. Und so gelangten sie zum Vertrauen, dass du mich gesandt hast.

Für sie bitte ich. Nicht für die Welt bitte ich, nur für sie, die du mir gegeben hast, weil sie dein sind.

All das Meine ist dein und das Deine ist mein, so bin ich verherrlicht in ihnen.

Schon bin ich nicht mehr in der Welt, nur sie noch,
sie sind in der Welt. Und ich, ich komme zu dir.“

Johannes 17,1-11a

Gedanken

Als Kind waren Bahnhöfe für mich emotional schwierige Orte. Oft musste ich mich dort von Menschen verabschieden. Meistens war ich derjenige, der weggefahren ist. Manchmal war ich aber auch derjenige, der zurückgeblieben ist. Oft bin ich am Bahnhof empfangen worden. Am liebsten war es mir, wenn ich selber Menschen am Bahnhof begrüßen und abholen konnte. Trotzdem verbinde ich heute noch mit Bahnhöfen eher schmerzliche Erfahrungen und Erinnerungen.

Die Bahnhofshallen in den großen Städten sind architektonisch wie Kathedralen, die nur eines beherbergen: Aufbruch und Ankunft, Kommen und Gehen, Abschied und Erwarten.

 

Zwischen Abschied und Ankunft stellen uns die zehn Tage zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Nach dem Abschied des auferstandenen und auffahrenden Christus erwarten die Jüngerinnen und Jünger den versprochenen Heiligen Geist. Für sie waren damals diese zehn Tage eine kritische Zeit. Sie mussten sich neu orientieren, ihren Standpunkt neu ausloten. Ihr Standpunkt bei der Himmelfahrt wurde von zwei Engeln Gottes infrage gestellt: „Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“

Der größte Teil meiner Lebenszeit lässt sich auch beschreiben als ein Zustand zwischen Abschied und Ankunft, zwischen Kommen und Gehen, zwischen Aufbruch und Erwartung. Und so klingt vom letzten Sonntag noch die Frage nach, wo denn meine Bleibe ist, wo mein Platz ist.

Ich lade ein, auf zwei Spuren dem nachzudenken und nachzugehen.

Die erste Spur liegt in der Zeitangabe: Vierzig Tage nach Ostern feiern wir Christi Himmelfahrt. Die Zeit- und Kalenderangaben sind in der Bibel immer auch inhaltliche und programmatische Aussagen.

Die Zahl 40 ist in der Bibel und in ihrer Umwelt die Zahl für eine entscheidende Phase: entweder geht es darum, sich auf etwas in Ruhe vorzubereiten oder um den Abschluss einer wichtigen Lebensphase oder um einen Neustart mit einem neuen Auftrag und einer neuen Aufgabe.



An ein paar Beispielen kann das deutlich werden:

*bei der Sintflut regnete es 40 Tage und Nächte
*die israelitischen Könige haben jeweils 40 Jahre regiert
*die Wüstenwanderung Israels dauerte 40 Jahre bis ins Gelobte Land
*Mose verbrachte 40 Tage auf dem Berg um Gott zu begegnen
*Elija wandert 40 Tage und 40 Nächte bis zum Gottesberg Horeb
* die Zeit der Schwangerschaft wurde früher mit siebenmal 40 Tagen gerechnet
*Jesus bereitete sich 40 Tage in der Wüste vor
*die Grabesruhe Jesu wird mit 40 stunden gezählt

Daraus ergibt sich die Frage an mich, an jede und jeden von uns:

Wo stehe ich gerade im Leben?
Wo geht es darum, etwas zum Abschluss zu bringen?
Bin ich in der Phase, einen neuen Lebensabschnitt vorzubereiten?
Welchen Standpunkt muss ich neu überdenken?

 

Eine zweite Spur zeigt mir ein 800 Jahre altes Geistlied, die sogenannte Pfingstsequenz. Darin wird Gottes Geist angerufen, um Veränderungen im Leben herbeizuführen und zu bestehen.

Wir beten diesen Text nachher miteinander. (Gotteslob 815)

Da ist die Rede vom Waschen, Tränken, Heilen, Wärmen, Leiten und vom Biegen. Das Ganze geschieht aus der Erfahrung heraus, dass der Schmutz, die Dürre, die Wunden, das Erkalten, das Irregehen und das Starrwerden unabweisbar zu meinem menschlichen Leben gehören. Ja, sie sind ausgewiesene Orte des Geistes Gottes.

Gottes Geist lässt sich nicht ins akademische Denken herab, nachdem die niederen Bedürfnisse befriedigt sind, so wie es Plato oder der Deutsche Idealismus sahen.

Gottes Geist verbindet sich mit unserem elementaren Leben.

Was ich vom Geist Gottes sagen kann, erweist sich in der gelebten Wirklichkeit. Nur wenn ich die Mühe kenne und das Weinen, kann ich Gottes Geist erfahren. Und: nur wenn ich bitten kann.

Vielleicht beginnt die Ankunft des Geistes damit, dass ich mit ihm rechne.

Vielleicht ist es gut, dass wir uns seit der Raumfahrt keinen Winkel des Universums mehr vorstellen können, in den Jesus aufgefahren sein könnte. Vielleicht wird es dann leichter, nicht nach außen und oben zu schauen, sondern nach innen.

Vielleicht kann ich dann spüren und zulassen, dass der Himmel, in dem der Auferstandene sich aufhält, in mir ist.

Für mich ist es ein zum Teil schmerzhafter, aber vor allem heilsamer Prozess, wenn ich mich von manch Äußerem verabschiede und in meinem Inneren ankomme.

Stefan Spitznagel