Evangelium und Gedanken zum Sonntag - 12.07.2020

Evangelium

An jenem Tag geht Jesus aus dem Haus und
setzt sich an den See.
Da drängen sich große Scharen an ihn heran,
sodass er in ein Boot steigt und sich hinsetzt,
während all die Leute am Ufer stehen.

Und er redet zu ihnen viel in Gleichnissen und sagt:
„Da! Der Sämann zieht hinaus, um zu säen.
Und beim Säen fällt das eine an den Weg nebenhin.
Und die Vögel kommen und fressen es weg.
Anderes fällt auf den felsigen Grund,
wo es nicht viel Erde hat.

Und gleich schießt es herauf, weil es keine Tiefe
in der Erde hat.
Wie aber die Sonne aufgeht, verbrennt und verdorrt
es, weil es keine Wurzel hat.

Anderes fällt unter die Disteln,
und die Disteln steigen auf und ersticken es.
Anderes aber fällt auf die rechte Erde und gibt Frucht:

Hier hundertfach, dort sechzig- und dort dreißigfach.

Wer Ohren hat, der höre!“

Matthäus 13,1-9

Gedanken

Ein Teil der Saat fiel auf den mit Asphalt versiegelten Boden. Beim nächsten Regenguss wurde die Saat weggespült und verschwand in der Kanalisation.

Ein anderer Teil fiel auf überdüngten und übersäuerten Boden. Viele Lebewesen des Bodens waren dort abgestorben, viele Nährstoffe ausgewaschen.

Nur ein Teil der Saat ging auf, und alle Pflanzen blieben kümmerlich.

Ein weiterer Teil der Saat fiel auf einen mit industriellen Altlasten verseuchten Boden. Die Pflanzen wuchsen auf, enthielten aber eine dermaßen hohe Konzentration von Schadstoffen, dass sie ungenießbar waren und weggeworfen werden mussten.

So und ähnlich könnte es klingen, wenn wir das Evangelium in die Gegenwart hineinverlängern würden.

Jesus greift immer wieder das Alltagswissen seiner Zeit auf, hier den Zusammenhang von Bodenqualität und Ertrag.

Heute wissen wir unvergleichlich mehr und wissenschaftlich abgesichert. Das bedeutet leider noch lange nicht, dass wir mit unseren Böden bewusster umgehen.

Ganz im Gegenteil: wir behandeln unsere Böden oft „wie den letzten Dreck“.

Dabei wissen wir, dass ein guter Boden nicht einfach da ist. Er muss geschont, gepflegt und erhalten werden. Und wir sind verantwortlich für diesen Boden, der uns ernährt. Fachleute sagen uns, dass der Umgang mit unseren Böden eines der wichtigsten Themen für die Zukunft der Menschheit ist.

Das Wertvolle am Boden ist nicht in erster Linie, was wir dem Boden entnehmen, sondern der größte Schatz ist der fruchtbare Boden selbst.

Im ersten Teil des Gleichnisses richtet Jesus einen Blick auf das Schicksal der Saat. Sie fällt auf ganz unterschiedliche Böden.

Im zweiten Teil überträgt er seine Beobachtungen auf das Innere von uns Menschen, auf alle, die seine Botschaft hören wollen und hören können.

Auch hier hängt das Schicksal der Saat, d.h. des Wortes Gottes, von der Qualität des Bodens, also von unserer Seele ab.

Wie gehen wir mit dem Nährboden für Gottes Wort, mit unserer Seele um?

Was tun wir, um diesen Boden zu schonen, zu pflegen und zu erhalten?

Sind wir da weiter als die Menschen früherer Zeiten? Um im Bild vom Anfang zu bleiben:

Asphaltieren wir unsere Seele mit Konsum? Überdüngen wir sie durch ständig wechselnde Reize? Vergiften wir sie durch Gedanken, die andere Menschen abwerten?

Durch die Corona-Pandemie kommt die dringliche Frage wieder einmal hoch: Worauf kommt es im Leben wirklich an? Was ist wirklich wertvoll? Wie können wir in der Bedrohung das Wertvolle bewahren? Wie können wir unser gemeinsames gesellschaftliches Leben stärken?

Viele fühlen sich berufen, uns zu raten und zu sagen, was „man“ tun und lassen soll, wie der Alltag bewältigt werden kann und wir gut durch die Krise kommen.

Um im Bild des Gleichnisses zu bleiben: Es gibt nicht nur den geschädigten Boden, es gibt auch viel wertloses, untaugliches Saatgut.

Ich versuche, mich auf einen Sämann zu verlassen, der gute Saat sät, den Sämann, der mir im Evangelium begegnet.

Aber was soll er wohin säen?

Wie ist es um den Boden meines Inneren bestellt?

Die Seel-Sorge beginnt bei dem, was ich selbst in meiner Seele pflege.

Unsere christliche Tradition bietet einen reichen Schatz an Wissen und Erfahrung in diesem Bereich. Es ist eine wertvolle „Bodenkunde des inneren Lebens“.

Das fängt an bei den Auszeiten, die ich meiner Seele gönne, Zeiten, in denen sie sich erholen kann. Die Methode und der Rahmen sind dabei zweitrangig. Das kann eine Zeit der Stille sein, eine Unterbrechung des Alltags. Das kann die bewusste Gestaltung des Sonntags sein.

Manchmal reichen mir kurze Minuten der Stille oder des Gebetes, manchmal eine halbe Stunde, um in Stille zu sitzen.

Da ist die Gemeinschaft mit anderen, die dem Boden meiner Seele Wärme, Licht und Nahrung spendet. Das kann ein in die Tiefe gehendes Gespräch sein oder einfache, kleine Zeichen der Aufmerksamkeit, ein kurzes Nachfragen.

Wohltuende Ausdrucksformen finden wir auch in der Kultur. „Kultur“ kommt übrigens von der Bearbeitung des Bodens.

Die Schönheit in Architektur, Kunst, Literatur, Musik und Tanz können meine Seel nähren.

Und wenn der Boden meiner Seele bereitet ist, liegt es an mir, ob ich die Saat, die Gott ausstreut, annehme und aufgehen lasse.

 

Umformulierte Gedanken von Josef Epping aus „Christ in der Gegenwart“, 28, Seite 309 vom 12.7.20

Stefan Spitznagel