Evangelium und Gedanken zum Sonntag – 14. Juni 2020

Evangelium

Als Jesus die Scharen sieht, wird ihm weh um sie,
weil sie geschunden sind und preisgegeben wie Schafe,
die keinen Hirten haben.

Da sagt er zu seinen Jüngern:
„Die Ernte ist groß, Arbeiter sind wenige.

Fleht also zum Herrn der Ernte,
dass er Arbeiter hinaus schicke in seine Ernte.“

Dann ruft er seine zwölf Jünger herbei, gibt ihnen die
Vollmacht, unreine Geister auszutreiben und alle
Gebrechen und Leiden zu heilen.

Diese Zwölf weist er an und sagt:
„Geht nicht abseits zu den Völkern und geht in keine
Samariterstadt.

Zieht lieber zu den zugrunde gegangenen Schafen des
Hauses Israel.

Zieht hin, kündet und sagt: ‚Das Himmelreich ist nahe.‘

Macht Kranke heil, weckt Tote auf,
reinigt Aussätzige, treibt Abergeister aus.
Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben!“

Matthäus 9,36-38;10,5-8

Gedanken

„Als Jesus die Menschen sieht, wird ihm weh um sie…“

Das könnten wir auch von unserer heutigen Situation sagen.
Jesus hätte auch heute einen Blick für genau solche Menschen und es würde ihn berühren.

Das gilt für Menschen auf der Flucht, für Menschen in den Pflegeberufen in Altenheimen und Krankenhäusern, das gilt für unterbezahlte Arbeitskräfte, für Menschen in Fabriken und Betrieben, die immer schneller und effektiver arbeiten sollen.

Das gilt für Mütter, die mit wenig Geld ihre Kinder großziehen und für alle, denen niemand zur Seite steht und die niemand im Blick hat.

Es gibt ein kleines Buch als Anleitung für Führungskräfte, das mit den Erfahrungen eines Hirten arbeitet.

Dort wird ein junger Manager beschrieben, der gerade sein Studium beendet hat und eine leitende Position in einer Firma übernehmen soll.

Der Besitzer schickt ihn zuerst für vier Wochen auf eine Schaffarm.
Danach ein Jahr lang jedes Wochenende. Der junge Mann lernt dort führen und leiten:

Das bedeutet, hinschauen, beobachten, kennenlernen, wahrnehmen, das Vertrauen der Schafe gewinnen.

Einfach ist das nicht: die Schafe ignorieren ihn lange, weil sie ihn nicht kennen und er sie nicht kennt.

Er lernt schnell was wichtig ist: geduldig sein, achtsam sein, das richtige Leitschaf auswählen, die Tiere vor Gefahren schützen, die verlorenen suchen. Der junge Mann lernt mehr von den Schafen als diese von ihm. Führen und Leiten braucht Mut und Geduld und ist Teamarbeit mit dem Leitschaf.

Jesus kannte natürlich den Beruf des Hirten und das Verhalten der Schafe. Was er als Hirtenaufgabe erkannt und gelebt hat, gibt er seinen Freund*innen weiter: unreine Geister auszutreiben und alle Krankheiten zu heilen, d.h. gut füreinander zu sorgen, auf Gesundheit an Leib und Seele zu achten.

Das ist in unserer jetzigen Zeit eine besondere Herausforderung.

Auch wenn nicht alle ein Leitschaf sein können, gibt es trotzdem für alle genug Möglichkeiten etwas zum Wohl der Herde beizutragen.

Geduldig sein und auf Signale achten, was Menschen von uns brauchen, ist angesagt. Dafür sorgen, dass die wichtigen Bedürfnisse erfüllt werden.

Niemand von uns kann das alleine.

Die zwölf Jünger, die Jesus aussendet, stehen für das ganze Volk Israel. Zwölf meint auch die ganze Zeit. Zwölf ist die Kombination von drei und vier, also von Gott und Welt.

Jesus traut uns zu, dass wir dabei hilfreich sind. Voraussetzung ist, dass wir auf die Hirtensorge Gottes vertrauen, uns von Gott gehalten und geführt wissen.

Albert Schweitzer hat es einmal so ausgedrückt: Viel Kälte ist unter den Menschen, weil wir nicht wagen, uns so herzlich zu zeigen, wie wir in Wirklichkeit sind.

Darauf käme es also an: aus dem Geiste Jesu und aus seiner Liebe lebend, einander von Herzen gut zu sein.

Gabriele Greiner-Jopp und Stefan Spitznagel