2. Weihnachtstag – Fest des Hl. Stephanus

2. Weihnachtstag – Fest des Hl. Stephanus –
Predigt zu Apostelgeschichte 6,8-10; 7,54-60

Es ist gefährlich, den Himmel offen zu sehen, manchmal lebensgefährlich. Das zeigt uns der

2. Weihnachtstag mit der Steinigung des Stephanus. Er wurde wegen seines Glaubens umgebracht, und zwar von seinen eigenen Leuten, als Christ von Christen ermordet. Der Grund: sie waren mit seiner Sicht des Glaubens nicht einverstanden und sie haben seine spirituelle Kraft nicht ausgehalten.

Stephanus hält vom Geist erfüllt eine große Rede, an deren Ende er den Himmel offen sieht. Das brachte seine Gegner zur Weißglut, so, dass sie ihn zur Stadt hinaustrieben und dort solange mit Steinen bewarfen, bis er tot war.

Was für eine Gewalt!

Religion hat oft mit Gewalt zu tun. Auch heute noch, in vielen Ländern.

Was passiert denn da? Was geht da schief, grundlegend schief?

Vielleicht, dass Menschen, die den Himmel offen sehen, so viel schmerzliche Selbsterkenntnis bei denen hervorrufen, für die der Himmel verschlossen ist? Verschlossen, weil sie zu sehr an sich selbst hängen und von Macht, Eitelkeit, Neid und anderen Kräften beherrscht werden?

Und wer anders denkt und glaubt, den müssen sie loswerden.
Das hat schon Jesus erlebt, für den der Himmel ganz offen war.

Er hat die religiösen Machthaber in ihrer unmenschlichen Religiosität so entlarvt, dass sie ihn ans Kreuz brachten. Das setzt sich mit Stephanus fort und zieht sich über die Inquisition als Blutspur durch die Geschichte des Christentums.

Was haben wir aus der Geschichte gelernt?

Zumindest fließt bei unseren Auseinandersetzungen über den Glauben kein Blut mehr, Gewalt ist eigentlich ein Tabu. Aber es gibt sie immer noch, die Macht und ihren Missbrauch in kirchlichen Gesetzen, im Verhalten von Kirchenleitung und Klerikern.

Der geistliche Missbrauch geht weiter, solange die Charismen aller sogenannten Laien, vor allem der Frauen, nicht anerkannt werden, solange Männer entscheiden, was Frauen dürfen und behaupten sie wüssten, was Frauen können.

Wenn wir als Kirche den Himmel offen sehen würden, dann könnten wir uns auch für den Geist öffnen, der kein oben und unten kennt, keinen Unterschied macht zwischen Frauen, Männern und Diversen, nicht zwischen Klerikern und Laien.

Der offene Himmel lädt uns ein zu einem Umgang aus lebendiger, kreativer und mutiger Liebe.
Gefährlich wird der offene Himmel nur für diejenigen, die Angst vor Gottes Geist haben.

Stefan Spitznagel