Predigt zum 1. Advent

Predigt zum 1. Advent 2021
„Mögen Engel dich geleiten auf dem Weg, der vor dir liegt, mögen sie dir immer zeigen, dass dich Gott unendlich liebt.
Ihre Worte woll‘n erhellen deinen Tag und deine Nacht.
Dass sie hinter dich sich stellen, lässt dich spüren Gottes Macht... Ihre Hände werden halten, wenn ins Stolpern du gerätst...
Flügel müssen sie nicht haben, nur ein freundliches Gesicht, denn du weißt, du bist getragen, in die Irre gehst du nicht…
Du sollst nicht alleine gehen, wir sind alle für dich da, woll‘n als Engel zu dir stehen, sagen zu dir alle: JA!“
Empfinden Sie diesen Text als kitschig oder eher als berührend? Es ist zu einem der beliebtesten Lieder bei Taufen geworden.
Die Bandbreite der Vorstellungen davon, was Engel sind und für was sie da sind und gut sind, ist riesengroß.
So gibt es dieses Lied auch mit kleinen Änderungen im Text, und zwar für das Ende des irdischen Lebens als Trauerlied:
„Mögen Engel dich begleiten, auf dem Weg, der vor dir liegt… mögen sie die Türe öffnen, die in Gottes Zukunft führt…
Mögen sie dir nunmehr zeigen, dass dir Gott neues Leben gibt.“
Beide Texte passen für mich in den Advent:
Der Blick auf die Geburt und das neue Leben UND der Blick auf das Ende des irdischen Lebens und den Tod.
Mit Advent verbinden wir meistens die Vorbereitungszeit auf Weihnachten, auf ein oft gefühlsbetontes Fest.
Advent hat aber drei Blickrichtungen:
Neben der Vorbereitung auf Weihnachten ist der Advent verbunden mit der Frage, ob bzw. wie ich Platz mache für das Kommen Jesu in mein Leben, in mein alltägliches Leben.
Und der dritte Aspekt ist, ob und wie ich mit dem Kommen Jesu am Ende meines Lebens umgehe, mit seinem Kommen in meinem Sterben. Etwas harmlos ausgedrückt sprechen wir von der Wiederkunft Christi am Ende der Tage, was mein eigenes Sterben meint.
Diesen Aspekt der Adventszeit blenden wir meistens und am liebsten aus.
Viele Bibeltexte des Advents thematisieren das Ende der Welt und das Ende meines Lebens.
Genau darauf lenkt das heutige Evangelium unseren Blick.
Wenn wir die Wirklichkeit um uns herum wahrnehmen, wird das Evangelium höchst aktuell:
Apokalyptische Bilder drängen sich mir auf, wenn ich Nachrichten einschalte.
Stichworte, die ich nicht erklären muss, benennen die Dramatik:
Massive Umweltkatastrophen, Waldbrände, Flutwellen, Hitzerekorde, unzählige blutige Konflikte, Pandemien…
Das alles sind Formen der Apokalypse, da müssen wir nicht bis zum Ende der Welt warten.

Dazu kommt noch die Untergangsstimmung in unserer Kirche.
Vielleicht sind Sie enttäuscht, weil das Evangelium am ersten Advent keine glitzernde und harmonische Weihnachtsatmosphäre bietet, sondern Weltuntergangsstimmung.
Der Evangelist Lukas ist nicht einfach ein Optimist, der das Leid der Welt ausklammert. Er ist auch kein Pessimist, der denkt, dass die Menschheit keine Hoffnung mehr hat.
Er erinnert uns: „Richtet euch auf und erhebt euer Haupt, denn eure Erlösung ist nahe!“
Seine angekündigte Erlösung kommt nicht von uns Menschen, sondern von Gott.
Es geht am Ende der Welt und am Ende unseres eigenen Lebens nicht um Untergang und Vernichtung, sondern um Erlösung. Das kündigen die Engel schon an, bevor der Erlöser auf die Welt kommt.
So hätte der Evangelist auch den Liedtext schreiben können: „Mögen Engel die Türe öffnen, die in Gottes Zukunft führt, mögen sie uns immer zeigen, dass Gott uns neues Leben gibt.“
Wir werden in den nächsten Wochen immer wieder mit Hilfe der Engel und ihrer Botschaften versuchen uns darauf einzulassen, was Gott uns zu sagen hat und was er mit uns vorhat.

Stefan Spitznagel