Predigt zum Fest der Heiligen Familie - 27.12.2020

Predigt zum Fest der Heiligen Familie - 27.12.2020

Keine Ahnung, wer sich vor dem Bau der Kirche und der Gründung der Gemeinde diesen Namen ausgedacht hat:

„Zur Heiligen Familie“.

Es war auf jeden Fall eine Zeit, in der ein Idealbild von Familie gepflegt wurde: Vater, Mutter und Kinder, möglichst unter einem Dach mit Großeltern.

Wobei unsere Kirche in ihren offiziellen Dokumenten bis heute noch nicht akzeptiert hat, dass die Realität längst anders aussieht.

Die Familie Jesu konnten wir ja nur „Hl. Familie“ nennen, weil die einzelnen Personen heilig sind. Ihre Zusammensetzung hat ja nie der Vorstellung der Kirche entsprochen: Ein alter Mann mit einer jungen Frau, die, im wahrsten Sinne, von weiß Gott wem schwanger ist, ein verlobtes Paar, das ein uneheliches Kind bekommt, das ein Einzelkind bleibt.

Für solche Verhältnisse hat die Kirche bis vor kurzem noch Menschen schlechtgeredet.

Allerspätestens wenn wir kirchlich bei einem Thema in eine Sackgasse geraten, lohnt sich der Blick in die Bibel.

An Heiligabend und durch die Nacht hindurch bis zum Weihnachtsmorgen gab es früher mehrere Gottesdienste mit jeweils einer anderen Schriftlesung.

In einer dieser Messen wurde der Stammbaum Jesu aus dem Matthäusevangelium vorgetragen.

Im 1. Vers des 1. Kapitels beginnt Matthäus mit dem Stammbaum. Er will zeigen, dass Jesus als Kind eines bestimmten Volkes in die Welt kommt. Und er reiht ihn ein in die lückenlose Aufzählung:

14 Generationen von Abraham bis David, 14 Generationen von David bis zur Babylonischen Gefangenschaft und 14 Generationen von der Babylonischen Gefangenschaft bis zu Christus. Ob die Aufzählung lückenlos ist, spielt für das Familienbild keine Rolle.

Interessanter ist, aus wessen direkter Abstammung Jesus kommt.

Die Namen der 42 Generationen können Sie selber mal nachlesen.

Es ist eine Geschichte aus ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten.

Da finden wir heilige Frauen und Männer des Volkes Israel, unter denen weder die Mörder noch die Nichtjuden, noch die Prostituierten, noch die Ungläubigen ausgeschlossen wurden. Matthäus hat den Stammbaum Jesu bewusst nicht bereinigt.

Zum einen zeigt er, dass Jesus nicht exklusiv zu einer Gruppe gehört. Eine adelige Abstammung ist genauso unwichtig. Er legt an die Herkunft Jesu keine moralischen oder gesellschaftlichen Maßstäbe an.

So wie wir alle Charaktere und Formen der Lebensgestaltung in seinem Stammbaum finden, so versteht sich Jesus als einer, der für alle Menschen gekommen ist, ohne Ausnahme. Jede und jeder ist in den Augen Gottes wertvoll. Fast ohne Bedingung akzeptiert er alle als seine Schwestern und Brüder. Bedingung ist für ihn nie die Herkunft und nie die Lebensgeschichte. Die Bedingung heißt für ihn einzig und allein: „Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ (Mk 3,35//Mt 12,50)

Bei dieser Umschreibung lässt er sogar seine leibliche Verwandtschaft, samt seiner Mutter, vor der Türe stehen.

Wie schwer tun wir uns als Kirche mit einem scheinbaren Ideal von Familie, das es so noch nie gegeben hat.

Wie leicht könnten wir uns tun, wenn wir uns mehr an die Botschaft der Bibel halten würden.

Und wir tappen als Kirche ständig in die Falle, dass wir uns bei allerlei Themen fast immer auf die moralische Ebene begeben.

Zudem hindert uns das gestörte Verhältnis der offiziellen Kirchenlehre zur Sexualität daran, uns den existentiellen Themen von Menschen zuzuwenden.

Wenn wir uns als Kirche so viel und so intensiv mit den Themen der sozialen Gerechtigkeit, der Friedenspolitik, der Umwelt und des Klimawandels beschäftigen würden, wie mit dem Thema der Sexualität, dann sähe die Welt wirklich anders aus: Es könnten mehr Menschen in Frieden und Freiheit leben.

„Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ Dann könnten wir stolz sein, dass unsere Kirche und wir als Gemeinde den Namen „Zur Heiligen Familie“ tragen.

Stefan Spitznagel