Predigt zu Pfingsonntag

 

 

Was machen Sie, wenn Sie für einen Altbau verantwortlich sind?

Wahrscheinlich schauen Sie ihn genauer an und überlegen sich: Reicht mir ein neuer Anstrich, damit er nach außen freundlicher und frischer aussieht?

Oder will ich ihn sanieren, vielleicht sogar von innen her auskernen und neue Wände und Decken einziehen?

Oder lasse ich ihn ganz abreißen und auf demselben Fundament ein neues Haus aufbauen?

 

Diese Frage stellen sich in unserer Kirche auch viele Menschen. Was machen wir mit unserer 2000 Jahre alten baufälligen Kirche?

Den einen reicht ein neuer Anstrich von außen. Sie soll freundlicher daherkommen.

Andere wollen sie von innen her sanieren. Sie muss neu gestaltet und eingerichtet werden.

Wieder andere plädieren dafür, sie in der jetzigen Form ganz abzureißen und neu aufzubauen. Zu dieser Gruppe gehöre auch ich, allerdings nur, wenn wir sie auf dem bisherigen Fundament. Auf dem Fundament, von dem Jesus Christus sagt, dass ER selber es ist.

 

An Pfingsten feiern wir die Geburtsstunde und damit den Geburtstag unserer Kirche.

Was können wir dieser alten Jubilarin schenken, was könnte ihr gut tun?

 

Drei Gedanken mit drei Blickrichtungen fallen mir ein.

Zunächst der Blick auf den Anfang. Ich finde es spannend: Kirche entsteht aus dem leeren Grab heraus!

Die Hoffnung der damaligen Jünger*innen hatte sich zerschlagen und war gestorben und wurde begraben. Sie wünschten sich, dass dieser Jesus von Nazareth die Besatzungsmacht vertreibt und ein neues, irdisches Reich aufbaut, dessen König er wird.

Jetzt ist er weg.

Die Chance für unsere Kirche ist: den Geist, den er ein Leben lang geatmet und am Ende in die Welt hinein ausgeatmet hat, diesen Geist, wie damals nach Ostern, durch uns strömen zu lassen, ein- und auszuatmen.

Aus dem Verlust heraus entwickelt sichj neue Kreativität

 

Blick auf den Anfang = Ki entsteht aus dem leeren Grab heraus: Hoffnung: J. = Regierung, Staat, ER ist weg

Den Geist, den ER ein Leben lang geatmet u. am Ende ausgeatmet hat, wie damals, durch UNS strömen lassen, ein- und ausatmen

Aus dem Verlust heraus entwickelt sich neue Kreativität. Und heute? Wir halten oft in unseren Gemeinden und Kirchen noch fest an dem, was nur noch mit Mühe geht.

Und gleichzeitig machen wir die Erfahrung, dass da, wo eine Lücke entsteht, wo etwas fehlt, sich neue Kreativität zeigt. Das gilt auch für einzelne Gruppen und Aktivitäten: erst wenn sie ausfallen, wenn es sie nicht mehr gibt, kann Neues entstehen und von neuen Leuten Verantwortung übernommen werden.

 

Der zweite Blick gilt dem Pfingstereignis selber. Am Pfingsttag kann jede und jeder Gott verstehen. Nicht, weil alle dieselbe Sprache sprechen, sondern weil Gott alle Sprachen spricht. Die Menschen verstehen den Geist und die Botschaft Gottes in ihrer je eigenen Sprache.

Deshalb ist der Turmbau zu Babel nicht das Gegenteil von Pfingsten, sondern Pfingsten ist die Fortsetzung. In Babel steigt Gott vom Himmel herab und schaut sich an, was die Menschen machen. Und: er multipliziert ihre Sprachen, alle haben ihre eigene Sprache.

An Pfingsten können alle in ihrer je eigenen Sprache Gottes große Taten verkünden.

In solch einer Kirche braucht es dann keine Dogmen mehr. Eben so wenig gibt es in einer solchen Kirche Denkverbote, Redeverbote und Schreibverbote, wie wir es durch Rom in den 80-er Jahren erlebt haben.

Der dritte Blick gilt dem Reichtum, der Vielfalt als eine Bereicherung unserer Kirche.

Vielfalt statt Einfalt.

Eine Vielfalt an Lebensformen, Lebensgestaltungen und religiösen Ausprägungen.

Vielfalt ist immer auch eine Frage der Gerechtigkeit.

Alle wollen und dürfen an einem Tisch sitzen, es gibt keine Ausgegrenzten mehr.

Es gibt auch keine Randgruppen mehr. Randgruppen gibt es nur für Menschen, die immer noch glauben, dass die Erde eine Scheibe ist, die einen Rand hat.

Da die Erde eine Kugel ist, befindet sich jeder Punkt und damit jeder Mensch in der Mitte.

Das heißt für uns als Gemeinde und als Kirche, dass jede und jeder in ihrer Mitte einen Platz hat.

Für unsere Welt bedeutet das: alle haben den gleichen Anspruch auf die Ressourcen dieser Erde. Damit verbunden ist auch die gemeinsame Verantwortung für das Leben der nächsten Generationen.

Vielfalt führt oft zu Konkurrenz und Streit. Konkurrenz kann neue Kreativität fördern. Wenn ich sehe, was andere besser machen, ist das ein Ansporn.

Wo Streit und Konflikte herrschen, entstehen auch ganz neue Bindungen. Ich streite ja nur mit jemandem, den ich mag. Im Streit liegen viel Energie und ein Ringen um gemeinsame Ziele. Menschen, die mir egal sind, lasse ich links liegen, mit denen streite ich überhaupt nicht.

 

Wenn wir diese drei Blickrichtungen in unserer Kirche und für unsere Kirche einnehmen, dann haben wir allen Grund, den Geburtstag unserer Kirche zu feiern!

 

Marbach, 5. Juni 2022

Stefan Spitznagel