Adventsgedanken - Gedanken zum Thema Zeit und weitere Themen

Gedanken zum Thema „Zeit“

Im Kirchenraum von Marbach steht vorne rechts eine Sanduhr bei den Adventskerzen. Mit Sanduhren wurde früher die Zeit gemessen. Allerdings musste sie immer wieder umgedreht werden.

Heute lassen wir uns die Zeit von Quarzuhren anzeigen. Sie laufen immer weiter, ohne dass wir etwas tun müssen, scheinbar endlos.

Moderne Uhren fördern ein modernes Zeitempfinden: die Vorstellung, dass Fortschritt und Wachstum immer so weiter gehen.

In unserem Leben machen wir auch andere Erfahrungen: ein Tag, ein Jahr, ein Jahrtausend, und auch ein Leben gehen zu Ende. Die Sanduhr weist auf eine Zeit, die befristet ist. Der Sand rinnt aus oberem Glas ins untere, Zeit verrinnt, wird weniger, sie läuft ab.

Zeit ist für uns ein begrenzter Vorrat an Jahren, der uns geschenkt ist, den wir nicht kennen. Deshalb ist die Sanduhr oben abgedeckt: wir sehen die Menge des Sandes nicht, weil wir nicht wissen, wieviel Zeit wir noch haben.

Wir stehen sozusagen an der engen Öffnung: die einzelnen Sandkörner gleiten hindurch, sie sind ein Symbol für jeden Augenblick, und jeder Augenblick ist ein Geschenk, das uns anvertraut ist.

Blaise Pascal hat im 17. Jahrhundert geschrieben: „Niemals halten wir uns an die Gegenwart. Wir nehmen die Zukunft vorweg, als käme sie zu langsam… es ist eine Torheit, in den Zeiten herum zu irren, die nicht unsere sind, und die einzige zu vergessen, die uns gehört.“

Was machen wir mit der Zeit?

Das Wertvollste ist, sie anderen zu schenken, Zeit ist neben der Liebe das kostbarste Geschenk, das ich machen kann, anders gesagt: geschenkte Zeit wird zum Ausdruck meiner Liebe.

Wenn wir aus unserer Zeit ein Geschenk machen, wenn in unserer geschenkten Zeit die Liebe spürbar wird, die dahintersteht, dann wird aus der Zeit ein Stück Ewigkeit.

Liebe kennt keine Zeit, Liebe ist die Erfahrung von Ewigkeit.

Wo bleibt die Zeit?

Die Sanduhr gibt ein Zeichen als Antwort:

Der Sand, der aus der oberen Schale nach unten rinnt, läuft nicht ins Leere. Die Zeit läuft nicht weg. Sie wird aufgefangen, gesammelt.

Im unteren Glas der Sanduhr kann ich Gottes Hände erkennen. Sie fangen meine Zeit auf, damit sie nicht im Sand verläuft.

Meine Zeit liegt in Gottes Händen!

Zwei Lieder aus dem Gotteslob bringen dieses große Vertrauen zum Ausdruck:

Jochen Klepper hat vor 80 Jahren gedichtet: „Der du die Zeit in Händen hast, Herr, nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen. Nun von dir selbst in Jesus Christ, die Mitte festgewiesen ist, führ uns dem Ziel entgegen.“ (GL 257)

Vor 40 Jahren hat Peter Strauch das Lied „Meine Zeit“ komponiert. (GL 841)

„Es gibt Tage, die scheinen ohne Sinn. Hilflos sehe ich wie die Zeit verrinnt. Stunden, Tage, Jahre gehen hin, und ich frag, wo sie geblieben sind. Meine Zeit steht in deinen Händen, nun kann ich ruhig sein, ruhig sein in dir. Du gibst Geborgenheit, du kannst alles wenden. Gib mir ein festes Herz, mach es fest in dir.“

Dieses Vertrauen möge uns, jede und jeden durch diesen Advent tragen!

Stefan Spitznagel

Predigt zum 3. Advent 2020 zu Johannes 1,6-8.19-28

Wer bist Du? – diese Frage an Johannes den Täufer gerichtet, steht im Mittelpunkt des Evangeliums.

Wer bist Du? – Diese Frage an uns gerichtet, kann manche von uns in Verlegenheit bringen.

Natürlich haben wir alle einen Namen, mit dem dieser Teil der Frage schnell beantwortet ist.

Aber die Frage geht noch weiter.

Mit wem habe ich es eigentlich zu tun?

Habe ich, hat jede und jeder von euch und Ihnen einen klaren Standpunkt? Können andere mich als Person erkennen? Was macht neben meinen Namen meine Identität aus: meine Herkunft, mein Beruf, mein sozialer Status, meine Hobbys, meine Leidenschaften?                                             

Nach innen gerichtet heißt die Frage: Wer bin ich? Hat mein Leben eine Mitte, ein klares Ziel eine Orientierung?

Wer bin ich?

Diese Frage lässt sich nur in Beziehung beantworten, im Blick auf mein Gegenüber.

Wie beantwortet Johannes der Täufer diese Frage?

Dreimal wird er gefragt, wer er ist und dreimal wird ihm eine Rolle zugeschrieben.

Das erinnert an die dreimalige Frage von Jesus an Petrus: „Liebst du mich?“ und an die dreimalige Verleugnung Jesu durch Petrus vor der Verurteilung. Alles, was in der Bibel dreimal gesagt wird, ist unumstößlich und durch nichts zu übertreffen.

So ist die Antwort des Johannes auch eindeutig: er ist weder der Prophet, noch der wiedergekommene Elias und schon gar nicht der Messias.

Johannes weiß nicht nur, wer er nicht ist, sondern er weiß sehr wohl, wer und was er ist.

Er ist Zeuge, „Zeuge“ kommt von „Zeigen“.

Die Existenz des Johannes ist die eines Zeigefingers. Wahrscheinlich kennen viele von uns den übergroßen Zeigefinder des Johannes auf dem Isenheimer Altar.

Er ist aber kein Zeigefinger, der anprangert, bloßstellt, bedroht oder jemanden fixiert. Mit seinem Zeigefinger deutet er die Richtung an, gibt den notwendigen Hinweis und übergibt die Menschen, die zu ihm kommen an Jesus.

Wer bist du – Kirche? Wer sind wir als Kirche mit all unseren Diensten und Ämtern? Jedenfalls sind wir nicht der Messias.

Wir können und dürfen nicht an die Stelle Christi treten oder gar ihn vertreten wollen. Wir haben von uns weg auf ihn hinzuweisen. Wir sind Zeichen am Weg der Geschichte, nicht Ziel des Weges. Von uns ist das Heil nicht zu erwarten, sondern von ihm.

Wenn wir fragen, wer wir als Kirche sind, dann haben wir auch schon die Antwort, wer wir als einzelne Menschen sind:

Was Augustinus über Johannes sagt, das gilt auch für die Kirche und für uns persönlich: „Johannes ist die Stimme, Christus ist das Wort.“

Wir sind immer nur Stimme, Christus ist das Wort. Das ist nicht wenig. Das fordert uns als ganze Personen. Denn das Wort Christi soll durch uns hindurchtönen. Auf lateinisch: personare.

Wenn Christus durch uns hindurchtönt, durch uns hörbar wird, dann werden wir Person. Dann kann Christus ankommen in unserer Welt, in uns und durch uns.

Stefan Spitznagel