Gottesdienste

Evangelium vom 5. Sonntag in der Fastenzeit – 29. März 2020

Als Jesus nach Betanien kommt, findet er Lazarus schon seit vier Tagen im Grab.

Viele von den Juden sind also zu Marta und Maria gekommen, um ihnen wegen des Bruders zuzusprechen.

Wie Marta nun hört, dass Jesus kommt, geht sie ihm entgegen. Maria aber sitzt zu Hause.

Marta spricht zu Jesus: „Herr, wärst du hier gewesen – mein Bruder wäre nicht gestorben. Doch auch jetzt weiß ich: was alles du von Gott erbittest, Gott wird es dir geben.“

Sagt Jesus zu ihr: „Auferstehen wird dein Bruder!“

Sagt Marta zu ihm: „Ich weiß, dass er auferstehen wird – bei der Auferstehung am Letzten Tag.“

Jesus spricht zu ihr: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt wird leben, auch wenn er stirbt. Und jeder, der lebt und an mich glaubt: Nimmermehr stirbt er – nicht auf Weltzeit hin! Glaubst du das?“

Sagt Marta zu ihm: „Ja, Herr! Ich bin zum Glauben gekommen, dass du der Messias bist, der Sohn Gottes: Er, der in die Welt kommen soll.“

Johannes 11,17-27

Offizieller Text für diesen Sonntag ist Johannes 11,1-45

Gedanken

„Zum Glück musste er nicht lange leiden!“ – „Eine lange Leidenszeit ist ihr Gott sei Dank erspart geblieben!“

So und ähnlich sagen wir, wenn jemand schnell sterben kann. Die verstorbene Person ging scheinbar wie durch eine einzige Tür von der einen Welt in eine andere. Ist das wirklich ein Trost?

Ein Mensch, der stirbt, reißt erst einmal eine Lücke in mein Leben. Mit jedem sterbenden Menschen stirbt auch ein Stück in mir. Das spüre ich, wenn ich am Sarg oder am Grab stehe. Das offene Grab hat manchmal eine Art Sogwirkung. Auch nach der Beerdigung zieht es mich immer wieder an das Grab. Ich habe ja einen Menschen verloren. Und wenn ich das wirklich so empfinde, dass ich ihn verloren habe, will ich ihn auch suchen. Wie bei anderen Schätzen und Kostbarkeiten suche ich dort, wo seine Spur endet. Eine dieser Spuren ist eben das Grab.

Diese Erfahrung berichtet auch das Osterevangelium. Die Frauen suchen Jesus am Ostermorgen an der Stelle, „wo man ihn hingelegt hat“. (Mk 16,6)

Die Jüngerinnen und Jünger werden in allen Osterberichten darauf verwiesen, den Toten woanders zu suchen. Sie sollen ihn dort suchen, wo seine Spur endet: im Gespräch über ihn - im eigenen Herzen, das über den Tod trauert – in den Gedanken, die er hinterlassen hat.

An Ostern bekommen wir es fast provokativ gesagt: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ (Lk 24,5)

Der biblische Gott findet sich nicht damit ab, dass die Spuren der Menschen am Grab enden sollen. In der Tageslesung aus dem Buch Ezechiel (37,12-14) spricht Gott: „Ich öffne eure Gräber… ich hauche euch meinen Geist ein.“ Der Prophet bekommt von Gott den Auftrag, gegen alle Vernunft ein Wort zu sagen. Gottes Wort haucht den toten Gebeinen neues Leben ein.

Sie werden beatmet, wie am Anfang der Schöpfung. Bewusst wird hier an der Erzählung der Schöpfungsgeschichte angeknüpft. Durch das Wort und den Atem Gottes entsteht Leben.

Gegen den Sog des Grabes wird hier der Hauch des Geistes gesetzt. Und genau das spielt sich auch am Karfreitag am Kreuz Jesu ab. Gegen den Tod wird der Hauch des Geistes gesetzt: „Er hauchte seinen Geist aus.“ Jesus haucht am Kreuz seinen Geist aus. Das ist nicht nur eine poetische Umschreibung des Todes, sondern das ist die Schöpfung neuen Lebens. Sein Geist ist es, der weiterlebt in dieser Welt. Durch dieses Aushauchen des Geistes entsteht auch die Kirche. Der Tod am Kreuz, das Aushauchen des Geistes Jesu ist das eigentliche Pfingstereignis, ist die Geburtsstunde der Kirche.

Wenn wir von der Passion Jesu reden, meinen wir meistens seine Leidensgeschichte. Die Passion Jesu ist längst vorher zu erleben. Seine Passion, seine Leidenschaft, lag vielmehr im Leben als im Sterben.

Oft begegnete Jesus dem sterbenden Leben: Er traf auf Menschen, die



wegen ihrer Krankheit oder ihrer Lebensweise für tot erklärt wurden, er traf auf behindertes, beschädigtes und verweigertes Leben. Schließlich traf er auf den konkreten Tod seines Freundes Lazarus.

Der Geruch des Todes schreckt ihn nicht ab. Jesus geht an das Grab des Lazarus: um herauszurufen, herauszuführen, herauszuziehen.

Schon vor seinem eigenen Tod zeigt Jesus, was nach dem Leben kommt. Die Passion Jesu ist die Passion des biblischen Gottes: aus dem Tod ins Leben führen.

Jesus kehrt damit meinen menschlichen Blick um.

Mein Blick ist auf das Ende des Lebens und in das Grab gerichtet.

Meine Blickrichtung zu ändern ist das Anliegen dieser österlichen Bußzeit.

Der Blickwechsel aus dem dunklen Grab ins österliche Licht braucht Zeit und Umgewöhnung.

Dazu lädt uns Jesus heute ein.

Stefan Spitznagel

Evangelium vom 4. Sonntag
in der Fastenzeit
22.03.2020

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